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Es war Sonntag der 22. Juni 2003. Der Wetterdienst versprach bestes Wanderwetter für die bayerischen Alpen. Auf diesen Tag hatte ich schon seit mehr als einem Monat gewartet. Denn endlich würde es den ganzen Tag schön bleiben, ohne Gewitterneigung am Nachmittag. Jetzt konnte es also mit dem anspruchsvollen Wanderprojekt Alpspitze los gehen: Ein beschaulicher Aufstieg von 580 Metern, gefolgt von einem beinharten Abstieg von 1880 Metern! Wenn ich mir da mal nicht zuviel zumuten wollte...

Und so fuhr ich um 7.30 Uhr aus München los über die A95 nach Garmisch-Partenkirchen. Nachdem ich im Ortsteil Garmisch noch ein Paar schöne Bilder gemacht hatte, erreichte ich gegen 9.00 Uhr die Talstation der Alpspitz-Seilbahn (750 m), wo ich das Auto parkte. Es freute mich, dass um diese Zeit noch wenig los war. Ich brauchte an der Kasse nicht anstehen und konnte gleich in die Gondel einsteigen. Um 9.20 Uhr fuhr die Seilbahn dann los und brachte mich innerhalb von wenigen Minuten auf den Osterfeldkopf am Fuße der Alpspitze.


Der Osterfeldkopf (2050 m) war der eigentliche Ausgangspunkt für die Besteigung der Alpspitze, der vorgelagerten Schwester der Zugspitze. Ich bin schon häufiger in Garmisch gewesen, aber mir war die Alpspitze nie so richtig ins Bewusstsein getreten. Trotz ihrer markanten Erscheinung in Form eines großen Dreiecks, beherrschte immer die 330 Meter höhere Zugspitze die Gebirgsszene. Während die Zugspitze für jedermann per Seilbahn und Zahnradbahn erreichbar ist, lässt sich die Alpspitze nicht so leicht besiegen. Von der Bergstation am Osterfeldkopf führt nämlich nur ein Klettersteig hinauf. Und der ist bekanntlich nicht jedermanns Sache.

Nach einem kurzen Aufenthalt auf der Sonnenterrasse fing ich um 9.40 Uhr meine Wanderung an. Über einen bequemen Pfad dauerte es etwa 15 bis 20 Minuten bis der Einstieg in den Klettersteig erreicht war. Man muss nur Obacht geben, dass man ihn nicht verpasst und stattdessen anderen Kletterern hinterherläuft, die weiter hinten mit eigenen Seilen ein eigenes Kletterprogramm veranstalten. So ging es mir und ich musste wieder ein ganzes Stück zu jener Stelle zurück gehen, wo der normale Klettersteig, der auch Alpspitzferrata genannt wird, anfing.


Die Alpspitzferrata macht ihren Namen alle Ehre, denn sie ist von unten bis oben mit Drahtseilen, Steigbügeln und Trittstangen versehen. Das macht es leicht zu entscheiden, wo die Füße abzusetzen und wo mit den Händen hinzugreifen. Dadurch gilt dieser Klettersteig als relativ einfach und gerade für Anfänger gut geeignet. Diese Tatsache täuscht aber nicht darüber hinweg, dass dennoch jeder Kletterer drei Attribute besitzen sollte: Klettergurt, Trittsicherheit und Schwindelfreiheit.

Aber die hatte ich ja und so ging es ziemlich steil am Osthang der Alpspitze nach oben und ich gewann schnell Höhe. Nach gut anderthalb Stunden erreichte ich den Nordgrat der Alpspitze, von dem ich zum ersten Mal ins Höllental schauen konnte. Von nun an ging es ebenso steil am Westhang der Alpspitze zum Gipfel, den ich nach etwa einer weiteren Stunde um 12.15 Uhr erreichte.


Auf dem Gipfel der Alpspitze (2628 m) bot sich ein herrliches Panorama in allen Richtungen, sodass sich die Strapaze des Aufstiegs wirklich gelohnt hatte: Nach Westen blickt man zur Zugspitze und zum Ammergebirge. Nach Norden blickt man auf Garmisch-Partenkirchen bis hin zum Starnberger See. Nach Osten blickt man zum Walchensee und zum Karwendel. Und nach Süden blickt man tief in Österreich hinein. Während ich nun eine Rast für eine körperliche Stärkung einlegte, ließ ich die Eindrücke auf mich einwirken.


Da mir noch ein sehr langer Weg bevor stand, brach ich bereits um 13.15 Uhr zum Abstieg auf. Ich hatte nämlich beschlossen den beabsichtigten Abstieg durchs Mathaisenkar zu nehmen. Eine folgenschwere Entschei- dung, wie sich später herausstellte...

Der Abstieg erfolgte über den Südwestgrat der Alpspitze. Dabei hatte ich den Jubiläumsgrat, die Gebirgskette zwischen Zugspitze und Hochblassen, stets im Überblick. Sicherlich auch eine interessante Herausforderung, aber vermutlich keine leichte und somit erst mal aus der Wanderplanung gestrichen... Aber zurück zum Abstieg. Jetzt gab es nur vereinzelt Drahtseile und ich musste mich stellenweise richtig an den Felsen klammern. Dennoch verlief der Abstieg weitestgehend problemlos und ich erreichte gegen 14.00 Uhr die Grießkarscharte. Die Grießkarscharte (2463 m) ist die Passhöhe zwischen Alpspitze und Hochblassen, bzw. zwischen Mathaisen- und Grießkar.


Die nächste Etappe, also der Abstieg zur Höllentalangerhütte durchs Mathaisenkar wird sicherlich so mancher verfluchen. Unendlich tief war der Blick ins Mathaisenkar, das Etappenziel nicht zu sehen und 1070 Meter Höhendifferenz bis dorthin! Das ging mächtig auf die Knien und Oberschenkel.

Das erste Drittel war noch vergleichsweise bequem. Diese Strecke war wieder durchgehend mit Drahtseilen versehen. Zwar war sie extrem steil und zum Teil auch sehr ausgesetzt, aber hier konnte ich mich stets rückwärts abseilen, was die Beingelenke sehr schonte. Das zweite Drittel hingegen war sehr unangenehm. Hier gab es auf steiler Strecke keine Drahtseile mehr. Dazu kam, dass weite Teile der Strecke mit Geröll bedeckt waren und ich ständiger Ausrutschgefahr ausgesetzt war. Als ich dann endlich den grünen Boden des Mathaisenkares erreicht hatte, war noch lange kein Feierabend. Hier fing das letzte Drittel an. Ein langwieriger Pfad mit immer noch mehreren hundert Metern Abstieg zur Höllentalangerhütte, die ich erst auf den letzten Metern sichten konnte. Ziemlich erschöpft kam ich hier um 17.40 Uhr an und lag damit deutlich über der Regelzeit von drei Stunden ab Alpspitze.


Die Höllentalangerhütte (1387 m) ist eine sehr schöne Hütte, die auf einer breiteren Ebene im oberen Höllental gelegen ist. Hier konnte ich den dringend benötigten Flüssigkeits- nachschub aus Apfelschorle, Spezi und Skiwasser vornehmen, denn der strapaziöse Abstieg von der Alpspitze hatte mich komplett ausgetrocknet. Ich erlaubte mir zur Regeneration eine etwas längere Rast, was an diesem längsten Tag des Jahres wohl kein Problem war. Nachdem ich wieder so einigermaßen zu mir gekommen war, machte ich mich dann um 18.30 Uhr auf den Weg in Richtung Höllentalklamm.


Auch diese Strecke war wieder dreigeteilt und landschaftlich sehr schön. Im ersten Teil gab es viel Grün, einen Bach der sauberstes Wasser führte und ein immer enger werdendes Tal. Dann die sehr feuchte Höllentalklamm, in der das Wasser sich nicht nur unter mir durch die Schlucht wälzte, sondern mir auch von oben entgegen kam. Hier ging es über eine lange Strecke und über viele Stufen steil hinab bis ich die Höllentalklamm-Eingangshütte erreichte. Leider gab es hier zu dieser Stunde keine Bewirtung mehr, sodass ich meine wiederaufgekommene Durst nicht löschen konnte. Die Hoffnung, dass es nun wohl auf ebener Strecke weiter gehen würde verflog schnell, als ich von der Hütte talauswärts schaute. Also ging es auf der dritten Teilstrecke weiter, wenn auch nicht mehr so steil, durch den Wald nach Hammersbach (750 m) hinab. In der ersten Wirtschaft in Hammersbach genehmigte ich mir noch eine letzte Apfelschorle und lief dann, endlich auf ebener Strecke, zum Parkplatz an der Talstation der Seilbahn. Die Uhr zeigte 21.00 Uhr als ich nach München zurück fuhr.

Copyright © 2003 Hans van Gelderen